Engelbert Brändle
Zwei Aufführungen der „Schöpfung“ von Joseph Haydn im Überlinger Münster ließen zum einen das Werk für Kinder von Michael Gusenbauer bearbeitet hautnah erleben, zum anderen das gesamte Werk in der konzertanten Aufführung erstklassig erleben.
Die musikalischen Akteure waren hochkarätig: Unter der Leitung von Kirchenmusikdirektorin Melanie Jäger-Waldau musizierten das Barockorchester L’arpa festante, dazu der Chor mit rund 90 Sängerinnen und Sängern von Münster- und Jugendkantorei sowie das exquisite Solistentrio Sibylla Rubens (Sopran), André Khamasmie (Tenor) und Konstantin Wolff (Bass).
Paukenschläge simulieren den Urknall, das Kontrafagott brüllt wie ein Löwe, Walfische schwimmen durchs Münster und sogar ein gigantischer Dino bewegt sich musikalisch durch den Raum. Das klanggewaltige Oratorium „Die Schöpfung“ von Joseph Haydn in der kindgerechten Fassung von Michael Gusenbauer berührt und begeistert das junge Publikum ebenso wie die Erwachsenen.
Beim Kinderkonzert erklangen ausgewählte Passagen aus Haydns musikalischer Schilderung der Entstehung der Welt, die Gusenbauer in der Sprechrolle des kauzigen Orchesterwarts durch humorvolle Erklärungen miteinander verbindet. Dramaturgische Hilfe bekommt er von den beiden Mitgliedern der Jugendkantorei, Emma Gutemann und Konstantin Domeyer, die Gusenbauers Erzählung aus heutiger Sicht kommentieren, Fragen stellen und in lockeren Dialogen.
Von Anfang an bricht Gusenbauers Bearbeitung den heiligen biblischen Schöpfungsakt auf menschliches Maß herunter und macht ihn so für das junge Publikum greifbar. So wird er – noch bevor die ersten Takte erklingen – von einer Fliege geplagt, ein sirrender Geigenbogen liefert den Soundtrack. Auf das Insekt schimpfend, schlägt Gusenbauer wild gestikulierend um sich, bis er von den jugendlichen Kommentatoren mit den Worten unterbrochen wird: „Aber Herr Orchesterwart, eine Fliege gehört doch auch zur Schöpfung!“
„Am Anfang war nix,“ erklärt Gusenbauer den im Mittelgang gebannt am Boden kauernden Kindern. Und wie aus dem Nichts stimmen Münster- und Jugendkantorei im zartesten Pianissimo die Worte „Und es ward Licht“ an, die bei „Licht“ begleitet von gewaltigen Orchesterklängen in ein plötzliches Fortissimo explodieren. Ein musikalischer Überraschungs- und Urknall-Effekt, der schon bei der Uraufführung 1798 für Furore sorgte und auch im Münster für Gänsehaut sorgt.
„Die Materie flog wild durch die Gegend und ballte sich dann zu Kugeln zusammen, zu den Planeten,“ beschreibt Gusenbauer weiter die Entstehung der Welt und liefert damit gleich das nächste Stichwort für den Chor, der mit „Eine neue Welt entsteht“ einsetzt. Zupackend und frisch, mit einer großen Bandbreite an Dynamik erklingen die Chorpassagen. Und immer weiter spinnt Gusenbauer die Geschichte, berichtet von der Entstehung der Meere, von gewaltigen Stürmen und Gewittern. Das unter Melanie Jäger-Waldaus präzisem Dirigat ebenso feinfühlig wie temperamentvoll musizierende Barockorchester L’arpa festante illustriert die Erzählung effektvoll mit Haydns lautmalerischer Komposition. Da braust das Meer, da blitzt und donnert es mit Pauken und Trompeten.
Noch spannender wird es, als am sechsten Schöpfungstag die Tiere beginnen, die Erde zu bevölkern. Hier klingt das Werk der Barockzeit beinahe wie moderne Filmmusik. Um das Brüllen des Löwen zu beschreiben, setzt Haydn das Kontrafagott und Posaunen ein. Auch Tiger, Hirsche und Pferde werden musikalisch vorgestellt. Höhepunkt der Tierparade ist jedoch ein imaginärer Dinosaurier, den Gusenbauer zu Musik von Modest Mussorgski durchs Münster trampeln lässt.
Nach einer guten Stunde ist im Münster die Welt erschaffen. Und zum guten Schluss gibt Emma Gutemann dem begeisterten Publikum auch noch eine Botschaft mit auf den Weg: „Das Schönste und Wichtigste, was wir tun können, ist doch, es für alle Lebewesen auf der Welt besser zu machen.“ das Geschehen reflektieren.
Mit anderen Augen und Ohren konnte man so am Folgetag das gesamte Werk in gleicher Besetzung fein nuanciert und auf musikalisch höchstem Niveau erleben.
Antonia Kitt