„Mit Schall von Zungen“, so ist eines der Chorstücke überschrieben, in denen der Überlinger Komponist Christian Lahusen die „Weihnachtgeschichte“ erzählt. Zu Ehren des 50. Todestages des Tondichters im kommenden Jahr 2025 ließen Jugend- und Münsterkantorei unter der Leitung von Kirchenmusikdirektorin Melanie Jäger-Waldau ihrerseits die bestens disponierten Zungen erschallen. Die rund 80 Sängerinnen und Sänger bezauberten das begeisterte Publikum im gut gefüllten Münster mit adventlich-weihnachtlicher Vokalmusik. Martin Weber an der Marienorgel sowie ein virtuos musizierendes Blockflötenensemble (Sabine Hirschmüller, Katja Verdi und Veronika Vogel-Müller) begleiteten und verbanden die verschiedenen Teile des 90-minütigen Programms.
Von 1931 bis zu seinem Tod 1975 lebte Christian Lahusen in Überlingen, komponierte und arbeitete als Musiklehrer an der Schule Schloss Salem. Er schuf vorwiegend geistliche und weltliche Chorlieder, in denen er seinen ganz eigenen klanglichen Stil entwickelte. Den Text der „Weihnachtsgeschichte“ wie auch etlicher anderer Kompositionen Lahusens verfasste sein Freund, der Schriftsteller und Übersetzer Rudolf Alexander Schröder. In Überlingen dürfte besonders das regelmäßig an den Schwedenprozessionen an der Station am Marienbrunnen erklingende Marienlied „Die Schönste von allen“ bekannt sein.
Lahusens Gesänge bettete Melanie Jäger-Waldau in eine Abfolge von Stücken ein, die zunächst mit höchst anspruchsvollen adventlichen Chorwerken der Romantik begann -von Johannes Brahms („O Heiland, reiß die Himmel auf“) Max Reger („Es kommt ein Schiff geladen“), Rudolf Zöbeley („Maria durch ein Dornwald ging“) und Anton Bruckner („Ave Maria“). Ein wunderbar mit den jungen Stimmen der Jugendkantorei hell intonierender Chorklang durfte sich unter Jäger-Waldaus feinfühligem Dirigat in großen Spannungsbögen und differenzierter Dynamik in der einzigartigen Akustik des Münsters ausdrucksvoll entfalten.
Im Mittelteil des Programms erklang die „Weihnachtsgeschichte“ von Christian Lahusen. Ihr liedhafter Aufbau umfasst sechs mehrstrophige Stücke, die verschiedene Szenen (z.B. „Der Wirt schloss auf“ oder „Und Joseph ging hinein“) des biblischen Geschehens im Stall von Bethlehem beschreiben. Reizvoll war hier die abwechslungsreiche und nuancierte Gestaltung der Strophen, in denen sowohl die strahlenden Sopran-, als auch die samtweichen Bassstimmen solistisch hervortreten durften. Die begleitende Orgel und die warmen Klangfarben der Holzblasinstrumente verstärkten den weihnachtlich-innigen Charakter der Komposition.
Vertonungen bekannter deutscher Weihnachtslieder von Franz Lehrndorfer (1928 – 2013), bei ihm studierte Melanie Jäger-Waldau von 1990 bis 1996 Orgel, leiteten zu einer Reihe fröhlich-festlicher, englischer Carols über. Mitreißend und temporeich verwandelte sich der Chor in „Ding dong!“ von Charles Wood (1866-1926) und in „Carol oft he bells“ von Mykola Leontowich (1877-1921) in ein freudig schwingendes Glockengeläut. Im Wohlklang englischer Kathedralmusik baden konnte das Publikum mit „Away in a manger“ von David Willcocks (1919-2015) oder auch “Star Carol“ und „Christmas Lullaby“ von John Rutter (geb. 1945).
Wie zu Beginn des Konzerts bei der Choralbearbeitung „Macht hoch die Tür“ von Friedrich Silcher (1789-1860) und Melanie Jäger-Waldau, waren auch zum Schluss die rund 400 Konzertbesucherinnen und -besucher zum Mitsingen aufgefordert: Gemeinsam mit dem Chor stimmten sie in das bekannte „Herbei, oh ihr Gläubigen“ in der Fassung von David Willcocks ein. Mit Standing Ovation und langanhaltendem Applaus bedankte sich das sichtlich ergriffene Publikum für diesen stimmungsvollen vorweihnachtlichen Konzertgenuss.
Antonia Kitt