Kenner der christlichen Kalenderlehre wissen es: der Mai ist der Marienmonat. Der Gottesmutter wird die lebensfeiernde, fruchtbringende Kraft des Frühjahrs zugesprochen. Zugleich gilt Maria als die wohlmeinende Vermittlerin und Fürbitterin zwischen den Menschen und Gott.
Diesen spirituellen Kosmos unter der Anrufung „Ave Maria“ musikalisch aufzuspannen, hatte sich die Münsterkantorei mit ihrem Chorkonzert im Überlinger Nikolaus-Münster vorgenommen; und dabei einen quasi musikhistorischen Ansatz gewählt. Denn Münsterkantorin Melanie Jäger-Waldau zog für ihr anderthalbstündiges Programm mit rund 20 Werken einen Vorhang vor fünf Jahrhunderten komponierter Marienverehrung auf, von der einstimmigen Gregorianik bis hin zum fast noch zeitgenössischen „Ave Maris Stella“ eines Trond Kverno. Dazwischen lagen marianische Bekenntnisse etwa von den Komponisten Brahms, Bruckner, Reger, Liszt oder Grieg. Eine Reminiszenz galt auch dem lange in Überlingen wirkenden Komponisten Christian Lahusen.
Solche Bandbreite verlangte dem Chor eine üppige, stilistische Ausdrucksvielfalt ab, und auch sonst bewies die Münsterkantorei unter der aufmerksam führenden Kantorin, dass sie in der Hohen Kunst des A-cappella-Gesangs längst Heimrecht genießt. Zwischen den Klangsäulen von Bass und Sopran sicher eingefasst, überzeugte das Ensemble mit stabiler Intonation und rhythmischer Akkuratesse.
Da Textkenntnis im Publikum vorausgesetzt werden konnte, legte der Chor seinen Schwerpunkt auf das Herausarbeiten emotionaler Affekte zwischen lyrischer Innerlichkeit und dramatischer Strahlkraft. Besonders eindrucksvoll, wie Helena Müller die sehr spätromantische Tonsprache eines Joseph Haas mit ihrem klangschönen, angenehm unoperesken Solosopran ins Kirchenschiff lenkte. Dieter Hubov zeigte zwischendurch einfühlsam und einleuchtend, wie sich Reflexionen auf die Mariengestalt an der Orgel mit Werken von Franz Liszt, Max Reger, Flor Peters und Marco Enrico Bossi anhören können. Am Ende des Marienkonzerts im Nikolaus-Münster geriet ein Moment andächtiger Stille mit starkem Beifall und sogar Bravorufen in Widerstreit.
Hartmut Ferenschild