Reiner Jäckle
Dieses Konzert vereinte – im Sinn der Völkerverständigung – zwei Welten bei den Komponisten, aber auch zwei Weltgrößen der Musik. Angefangen bei dem Armenier Aram Khachaturian (1903 bis 1978), dessen Werke seit 2013 in einer Auswahl zum Weltdokumentenerbe der UNESCO gehören. Mit „Stabat Mater“ kam dazu das breit aufgestellte musikalische Schaffen des Wallisers Sir Karl Jenkins (geboren 1944), das vom Jazzrock bis zur Kirchenmusik reicht. Königin Elisabeth II. verlieh ihm dafür 2015 das Adelsprädikat.
Unter der Leitung von Kirchenmusikdirektorin Melanie Jäger-Waldau gestalteten das Konzert die Jugendkantorei Überlingen, die Münsterkantorei Überlingen und die Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben. Als Solisten traten die türkische Sängerin Arzu Gök (Sopran) sowie der Armenier Hovhannes Margaryan an der Duduk, auch bekannt als „armenische Flöte“. Zum Musikerlebnis hat sicher die sensible Didaktik beigetragen, die das Publikum vom bekannten zum unbekannten Hörgenuss führte.
In Jenkins’ „Stabat Mater“ verband sich die frische, klare Präsenz der Jugendkantorei mit dem tragfähigen Chorklang der Münsterkantorei zu großer Geschlossenheit. Die Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben gab dem rein orchestralen Khatschaturian klangliche Fülle, begleitete die Duduk im anschließenden Adagio sensibel und blieb auch im „Stabat Mater“ aufmerksamer Partner von Chören und Solistin. Jäger-Waldau führte die unterschiedlichen Besetzungen sicher und sorgte über alle drei Werke hinweg für klare Spannungsbögen und eine ausgewogene Balance.
Den Anfang bildete Khatschaturians berühmtes Adagio, aus dem Ballett Spartacus, das von europäischer Melodik getragen wurde. Tief in die armenische Seele aber führte danach das Gebet „Herr Erbarme Dich“, in dem die Duduk mit ihrem warmen und melancholischen Klang erstmals erklang.
Im „Stabat Mater“ wagte Jenkins dann eine ungewöhnliche Perspektive auf einen 800 Jahre alten Text. Die lateinische Sequenz „Stabat mater dolorosa“ (oft übersetzt mit „Christi Mutter stand mit Schmerzen“) betrachtet die Gottesmutter Maria unter dem Kreuz ihres Sohnes. Der Text beschreibt das existenzielle Leid der Mutter, die das Sterben ihres Kindes mitansehen muss. Für Jenkins ist dieses Bild nicht ausschließlich christlich oder europäisch, sondern universell.
In seiner Komposition verwebt er deshalb den traditionellen lateinischen Text zum einen mit modernen Gedichten aus dem Englischen, zum anderen auch mit aramäisch gesungenen Versen des persischen Dichters Rumi, einem Zeitgenossen von „Stabat Mater“.
Das Aramäische hat für Christen noch eine zusätzliche Bedeutung, weil es die Sprache von Jesus Christus war. Besonders eindrucksvoll war die Einbindung der sogenannten ethnischen Stimme der wunderbaren Mezzosopranistin. Dieser Gesang steht für den orientalischen Raum, für die archaische, unmittelbare Ausdruckskraft jenseits westlicher Operntradition.
Das Publikum im voll besetzten Münster war begeistert.
Helga Müller-Schnepper




